Zur mobilen Version

Navigation einblenden

KINDER DES OLYMP

Nachtkritik, Elisabeth Maier, 31.01.2016

Der französische Regisseur Benjamin Lazar. . . setzt mit seinem Gesamtkunstwerk faszinierende ästhetische Akzente. Virtuos komponiert er ein stimmiges Ganzes aus Bildern, Musik und Schauspielkunst.

Theater und Wirklichkeit verschmelzen miteinander. Das Meisterwerk des poetischen Realismus überträgt Lazar in seine atmosphärisch dichte Theatersprache. Die Rotkehlchen-Band der Brüder Rynkowski bringt Gefühle zum Klingen. Blassblaue Seidenvorhänge, die die Akteure auf- und zuziehen, ersetzen die Filmschnitt-Dramaturgie. Kerzenschein entführt das Publikum in eine Welt der Träume. Spiegel vervielfältigen Mimik und Gestik der Schauspieler in Adeline Carons Bühnenraum. Sacht wird so die Wahrnehmung verzerrt. Was ist Theater, was ist Wirklichkeit? Am Ende wissen es Spieler und Publikum selbst nicht mehr.
. . .
Die historischer Mode nachempfundenen Kostüme sind an den Film angelehnt, sie verleihen dem Abend etwas gewollt Antiquiertes. Sehr zeitgemäß ist dagegen Lazars Blick auf die Menschen: Überlebensgroße Schattenfiguren projiziert der Videokünstler Christoph Otto auf die Leinwand. Schwarze Silhouetten drehen sich im Kreis, küssen sich und verschwinden wieder. Später verwandelt sich die Bühne in einen Sternenhimmel. Da darf das Paar die Liebe leben, die ihm in Wirklichkeit verwehrt bleibt. Solche emotionalen Augenblicke übersetzt Lazar in eine magische Zeichensprache. Eine radikal neue Lesart des Filmklassikers liegt dem Franzosen fern. Stattdessen tastet er sich behutsam an dessen zeitlose Aussagekraft heran. Aus der Sicht deutschen Regietheaters hat das etwas Konservatives und doch ist es wunderschön.
. . .
Großes leisten die Schauspieler. Carnets und Préverts Reflexionen über Bühnenkunst sind für sie mehr als Theatergeschichte. Sebastian Reiss als Schauspieler Frederick hinterfragt klug Schein und Sein des Theaters. Als Lohnschreiber und Mörder Lacenaire suhlt sich Frank Wiegard in historischen Studien französischer Komödienkunst. Er spielt mit dem Klischee vom romantischen Verbrecher. Ebenso laufen Gunnar Schmidt als Direktor der Kleinkunstbühne Funambules und Klaus Cofalka-Adami als vermeintlich blinder Gauner zu Höchstform auf. Beherzt greift Nathalie nach dem Mimen Jean-Baptiste, den sie zum Mann haben will – und das, obwohl er sie nicht liebt. Florentine Krafft zeigt sie als bodenständige Frau, die den Künstler mit ihrer Liebe erdrückt.
. . .
Leichtigkeit bringt die schöne Garance in sein Leben. Die Faszination geistiger Liebe reizt Joanna Kitzl bis zum Exzess aus. Nach Jahren kehrt sie wieder und trifft den Mimen, der in Nathalies Ehe-Kokon eingesponnen ist. Ihre Leidenschaft hat die Zeit überdauert, doch sie haben ihr Lächeln verloren. Am schönsten emanzipiert sich Johannes Schumacher als Jean-Baptiste vom berühmten Film-Vorbild Jean-Louis Barrault. Anders als der souveräne Mime darf er wütend, verzweifelt und ungestüm sein. Alle Besonnenheit wirft der junge Schauspieler im grandiosen Schlussbild über Bord. Da windet er sich am Boden und wird von Pierrots überrannt, die seine Paraderolle nachäffen. In einer Welt, die die bedingungslose Liebe unmöglich macht, hat er keine Heimat mehr.

BNN, Andreas Jüttner, 02.02.2016

Der französische Regisseur Benjamin Lazar . . .

überzeugt erneut mit zielsicherem Griff in den Fundus der Bühnenopulenz und mit feinem Gespür für die Bedeutung von Gestik. Letzteres ist essenziell. Steht doch im Zentrum der figurenreichen, flirrenden Handlung ein Pantomime.
Dieser heißt Baptiste Debureau, ist eine historisch verbürgte Figur und wird im Spiel des jungen Darstellers Johannes Schumacher einer der Trümpfe der gut dreistündigen Aufführung.
. . .
Unter Anleitung des Marcel-Marceau-Schülers Guerassim Dichliev gelingen ihm eindrucksvolle Szenen. Zudem zeigt er ohne Fehltritt auf dem schmalen Grat des kitschgefährdeten Gefühlsüberschwangs den Aufstieg von Baptiste: Der wird vom Hungerleider, den selbst der eigene Vater (Klaus Cofalka-Adami) nicht auf die Bühne lassen will, zum gefeierten Star, dessen einzig wahre Sehnsucht aber auch auf dem Gipfel des Erfolgs nicht erfüllt wird: die Liebe zu der schönen Garance.

Joanna Kitzl gibt die umschwärmte Kurtisane als zierliche, rehäugige Schönheit, die früh gelernt hat, sich allein durchzuschlagen und sich deshalb zwar schnell, aber nie ganz hingibt – was auch den selbstbewussten Schauspieler Frederick Lemaitre (überzeugend impulsiv: Sebastian Reiß), den dichtenden Verbrecher Pierre-François Larcenaire (etwas zu distanziert: Frank Wiegard) und den besitzergreifenden Grafen Edouard de Montray (mit kalter Arroganz: Jannek Petri) rasend macht.
Am stärksten ist die Theaterfassung in der Konzentration auf dieses dramatische Liebes-Quintett, das für eine der Personen tödlich enden wird. Sobald es um den überschäumenden Trubel im Pariser Amüsierviertel geht, kann die Bühne naturgemäß nicht mithalten mit dem Film, der zwischen 1943 und 1945 mit personell ungeheurem Aufwand gedreht wurde. Lazars Inszenierung federt dies ab, indem sie das Leben der Figuren, die ohnehin einander ständig Rollen vorspielen, im Theater verortet. Die mit halb durchsichtigen weißen Bühnenvorhängen und Spiegelelementen arbeitende Bühne (Adeline Caron) gibt dem Geschehen zusätzlich den Charakter eines Traumes. Zugleich erinnert sie an die Herkunft des Stoffes von der Leinwand, zumal etliche Szenen als poetisches Schattenspiel zu sehen sind.
Die filmische Atmosphäre wird unterstrichen durch den subtilen Soundtrack der am Staatstheater schon bestens bekannten Brüder Clemens, David und Florian Rynkowski („Alice“, „Spamalot“), die an zehn Instrumenten – von Drehleier über Kontrabass bis zum Sampler – eine Live-Musikuntermalung beisteuern, die punktgenau zur Handlung und zur Ästhetik passt. Letztere ist bewusst nostalgisch-museal – zum einen mag Lazar sich gescheut haben, an dieses filmische Nationalheiligtum seiner Heimat die Hand des deutschen Regietheaters anzulegen, zum anderen passt es zum märchenhaft-archetypischen Geschehen. Und da die Darsteller (unbedingt noch zu nennen wären Gunnar Schmidt, Ronald Funke und Lisa Schlegel) sich des herausragenden, sehr texttreu auf die Bühne übertragenen Drehbuchs von Prévert mit viel Engagement annehmen, trägt die Geschichte auch ohne die Überwältigungskraft filmischer Massenszenen.
Warum diese Geschichte hier und jetzt erzählt werden muss, dieser Frage stellt sich die mit langem, herzlichem Premierenbeifall bedachte Aufführung gar nicht. In diesem Fall zu Recht: Manchmal darf man im Theater auch einfach nur träumen.

Badisches Tagblatt, Ute Bauermeister, 02.02.2016

Ach ja, die Liebe! Sie kann so stark und doch so grausam sein. Die schöne Garance wird von vier Männern umworben, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Doch mit keinem findet sie wirklich ihr Glück.
. . .
Benjamin Lazar hat den Film von Jacques Prévert und Marcel Carné im Badischen Staatstheater als großes Kino inszeniert. Dabei gelingt dem französischen Regisseur eine Symbiose aus Theater und Film, aus Vergangenheit und Gegenwart, aus Pantomime und Musik.

Der Abend fasziniert mit poetischen Bildern, indirekter Beleuchtung und einer ganz eigenen Stimmung. Adeline Caron entwirft eine Bühne mit großen Spiegeln, in denen sich das Publikum hin und wieder selbst sieht. Leichte Vorhänge, Holzgerüste, Holztische und Holzstangen, an denen der Mond oder der Vogel hängen, gehören zu den Requisiten dieses Spiels im Spiel. An den eindrucksvollen Kostümen (Alain Blanchot, Adeline Caron, Julia Brochier) aus dem 19. Jahrhundert glitzern die Knöpfe, sorgen Schals, Tücher, Mäntel und Gehstöcke für Hingucker. Die drei Brüder Rynkowski musizieren im offenen Orchestergraben live, spielen neben Kontrabass und Klavier auch mit außergewöhnlichen Instrumenten wie Theremin, Bandecho oder Gambe.

Das Ganze beginnt wie ein Stummfilm mit zugezogenen Vorhängen, auf die der Titel projiziert wird, und einer einfühlsamen Musik, welche auch die Pantomime dramatisch unterfüttert.

Joanna Kitzl spielt mit zurückhaltender Präsenz die Garance ganz nah am filmischen Vorbild, zuerst fröhlich und keck, später nachdenklich und alleine. Johannes Schumacher . . .

wächst im Laufe der knapp zweieinhalbstündigen Aufführung immer stärker in die Rolle des melancholischen Träumers hinein. Den dankbaren Part des draufgängerischen Schauspielers verkörpert Sebastian Reiss so lustvoll wie glänzend überzogen. Reiss vermag seine breite Palette theatralischen Könnens auszuleben. Auch Frank Wiegard umwirbt mimisch beeindruckend als abgebrüht-geheimnisvoller Ganove Lacenaire die schöne Garance, die jedoch mit dem reichen Grafen Edouard (von Jannek Petri mit vehementer Leidenschaft versehen) aus Paris verschwindet.

Jahre später kehrt sie zurück, auf der Suche nach der Liebe und trifft noch einmal ihre ehemaligen Verehrer. Das verhängnisvolle Karussell dreht sich erneut. In kleineren Rollen können sich Florentine Krafft, Sascha Tuxhorn, Klaus Cofalka-Adami, Gunnar Schmidt, Ronald Funke, Jonathan Bruckmeier, Jens Koch und Lisa Schlegel bestens in Szene setzen während dieser berührenden Reise durch das große Auf und Ab der Gefühle, die vom Premierenpublikum mit anhaltendem Applaus gefeiert wurde.

SWR 2 Kultur Info, Marie-Dominique Wetzel, 28.01.2016

Einen Bericht zum Nachhören finden Sie hier.

Rheinpfalz, Rüdiger Krohn, 11.02.2016

Regisseur Benjamin Lazar, dem in Karlsruhe mit seiner Inszenierung von Händels „Riccardo Primo“ ein eindrucksvoller Wurf gelungen war, hat sich erkennbar zum Ziel gesetzt, in seiner Bühnenversion ganz nahe am Film zu bleiben. Textgrundlage ist das originale, wunderbare Drehbuch von Prévert, das mit Ausnahme einiger Striche und sehr geringer Zusätze übernommen wurde . Aber dieser Vorlagentreue stehen die sehr unterschiedlichen technischen wie ästhetischen Möglichkeiten der Kamera und des Theaters im Wege: Großaufnahmen, Gegenschnitte, Überblendungen kann die Bühne nicht leisten.
. . .
Darstellerische Höhepunkte stiftet insbesondere die herausragende Joanna Kitzl, die die rätselhafte Garance mit einer Melange von unnahbarer Reserve, naiver, entwaffnender Unschuld und ruhiger Kraft zu einem bezaubernden Porträt ausmalt und zwingend verdeutlicht, warum ihre Verehrer, so verschieden sie sein mögen, diesem seltsam autonomen „Geheimnis Frau“ erliegen müssen. Den Zuschauern gefiel dieser unterhaltsame Ausflug ins Zwischenreich von Theater, Magie und Wirklichkeit. Sie quittierten nicht zuletzt den wohltuenden Verzicht auf ergänzende Mätzchen mit anhaltendem Beifall.

Navigation einblenden