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LA CLEMENZA DI TITO

Frankfurter Rundschau, Judith von Sternburg, 13.07.2017

Interessant: Gerade die ausgeruhte Art, mit der sich am Staatstheater Karlsruhe die Handlung entwickelt, lässt aber diesen Fürstenspiegel – anlässlich der Krönung Leopolds II. in Prag uraufgeführt – verblüffend aktuell erscheinen . . .

Kinmonth entfaltet also zwanglos und entspannt die mäßig aufwendigen Intrigen, die sich allerdings wahrhaftig gegen das Leben des Kaisers richten. Zusammen mit Darko Petrovic hat er (Kinmonth) sich auch um Bühne und Videoeinspielungen gekümmert: Ein stilisierter, außerdem natürlich nagelneuer Titusbogen dominiert die Bühne, ein bewegtes, ein wogendes Vogelschwarm-Muster legt sich immer wieder über das Bild und findet seine Entsprechung auch in der Modelinie Tito, in der Kinmonth seine Figuren auf die Bühne schickt, manchmal tatsächlich wie auf einen Laufsteg. Die fließenden, dezent asiatisierenden Gewänder übernehmen das nun gänzlich stilisierte Vogelschwarm-Design. Bei den Soldaten wirkt es wie eine Tarnung, beim Kaiser durch andere Farbgebung eleganter Prunk. Keine Falte, wo sie nicht sein sollte, und für alle Körperformen wurde etwas Passendes gefunden. Das blamiert Kostümbildner, die Sängerinnen und Sänger schlechter aussehen lassen als unbedingt nötig.
Man merkt, wie wohl sich die Darsteller fühlen, aber auch, wie stilsicher Kinmonth zwischen einem statischen Rampensingen und der lebendigen Geruhsamkeit zu unterscheiden weiß, die er bevorzugt und umsetzt. Indem der Titusbogen sich auf der Drehbühne gelegentlich von einer anderen Seite zeigt, ist zusätzlich Bewegung im Spiel. Auftritte der handverlesen schönen, mit vermutlich auch für Lampenhersteller inspirierenden Zierwaffen ausgerüsteten Soldaten und Römerinnen sind bei aller Schlichtheit nie fade . . .
Die Musik entspricht dem Bild in betörendem Ausmaß. Capuano veranstaltet kein Feuerwerk, sondern feiert die Gediegenheit dieser nachgereichten Opera seria (die ihre eigenen Gesetze bricht, so dass der zurückgreifende Mozart zugleich ein vorangehender ist). Die Rezitative wird man nicht oft so präzise durchgearbeitet erleben können, lebendige Rede . . .

FAZ, Eleonore Büning, 12.07.2017

Uliana Alexyuk als silbrige Servilia, Kristina Stanek als sich mühelos verströmender Annio, mit messinggoldenem Timbre. Sie sind die heimlichen Stars in einem Ensemble, das auf hohem Niveau musiziert: Dilara Bastar als kerniger Sesto, Katherine Broderick als kokett-manirierte Vitellia. Und dazu wagt der Dirigent Gianluca Capuano vom ersten Ton der Ouvertüre an ein scharfes schnelles Tempo und entfesselt einen reißenden Sog, in dem nur hin und wieder lyrische Inseln schwimmen . . .

O-Ton, Michael Kaminski, 12.07.2017

Ulrich Wagner hat den Badischen Staatsopernchor mit wachem Sinn für die Dramaturgie des Stücks in die vom Herrscherlob dominierte Affekt befindlichkeit des Römervolkes eingewiesen. Unter der Leitung von Gianluca Capuano spielt die Badische Staatskapelle historisch informiert, dabei ungemein vital auf. Das historisierende Klangbild ist kein Selbstzweck. Vibratoarmes Musizieren, Naturhörner und -trompeten stellen sich gänzlich in den Dienst des Dramas. Capuanos Dirigat zeichnet sich durch fordernde Rhythmen und eine schier atemberaubende Dynamik aus. Dazu konzertieren die Holzbläser voller Wärme . . .

Stärkste Aufmerksamkeit gebührt Dilara Bastar. Ihr Sesto ficht mit jeder atemberaubenden Phrase den Kampf zwischen der Loyalität zur geliebten Vitellia und der Freundestreue zum Imperator aus. Des Mezzos Tiefe glüht, die Höhe leuchtet. Bastar spannt innige Bögen, nicht weniger schießt sie affektgeladene Pfeile ab . . .
Katherine Brodericks Vitellia bietet stilsicher vorbildlichen Mozartgesang. Kristina Stanek ist ein volltönender Annio mit vokal tragfähiger innerer Statur. Die Servilia von Uliana Alexyuk nimmt mit ausgesprochen slawisch-lyrischem Timbre für sich ein. Souverän gestaltet Renatus Meszar den Publio . . .

Mannheimer Morgen, Eckhard Britsch, 11.07.2017

Patrick Kinmonth, der gemeinsam mit Darko Petrovic auch die Ausstattung fertigt, lässt die Figuren quer um einen die Bühne bestimmenden Triumphbogen interagieren. Distanz und Nähe sind sehr schön ausbalanciert und lassen Raum für die wirkmächtige Musik, die mit der Badischen Staatskapelle knallhart und edel zugleich bis hin zum Gänsehaut-Faktor aus dem Graben kommt . . .

Viel Beifall für eine nachwirkende Mozart-Sicht zum Ausklang der Saison.

BNN, Manfred Kraft, 10.07.2017

Musikalisch erlebte man eine große Aufführung, was vor allem dem unangefochtenen Star des Abends, dem gastierenden Dirigenten Gianluca Capuano, zu verdanken war. Er formte aus der Badischen Staatskapelle ein Mozart-Orchester par excellence. Da blieben stilistisch, spieltechnisch und emotional keine Wünsche offen. Aber es war auch der Abend Dilara Bastars, die mit dem Sesto wohl eine neue Stufe auf der Karriereleiter erstiegen hat. Mit ihrer Arie „Parto, parto“ riss sie das Publikum zu Begeisterungsstürmen hin. Doch gleich nach ihr muss man Kristina Stanek erwähnen, einen solchen Annio kann man wahrlich nur selten erleben . . .

Badisches Tagblatt, Nike Luber, 10.07.2017

Dilara Bastar entfaltet mit ihrem runden, vollen, dunklen Mezzosopran und leidenschaftlicher Darstellung die Seelenqualen von Sesto, der so lange von Vitellias Rachsucht und Titos Güte psychisch gefoltert wird, bis er zusammenbricht und sich die Pulsader aufschneidet. Katherine Broderick singt die Vitellia klangschön und koloraturensicher. Besonders in ihrer letzten Arie steigert sich die Sopranistin zu dramatischem Furor. So ist der Grund für ihren späteren Selbstmord gelegt. Kristina Stanek und Uliana Alexyuk geben als Annio und Servilia ein rührendes Liebespaar. Sie singen ihre Partien mit schlanker, beweglicher, ausdrucksvoller Stimmführung . . .

Kaiser Tito hat relativ wenig zu singen. Das Wenige aber wird von Tenor Jesus Garcia schön, in den Rezitativen auch sehr differenziert gestaltet, so dass man die Selbstzweifel und die Einsamkeit des Herrschers nachfühlen kann . . .

Unter der engagierten Leitung von Gianluca Capuano, einem Spezialisten für Alte Musik, musiziert die Badische Staatskapelle temporeich, leicht und präzise einen farbenreichen und lebendigen Mozart. Capuano und das Orchester treiben musikalisch die Handlung voran und untermalen die Intensität der Gefühle, die am Ende keine der Figuren unbeschadet zurück lässt . . .

Die Rheinpfalz, Dr. Frank Pommer, 10.07.2017

Jesus Garcia spielt diesen stets mit sich ringenden Kaiser sehr überzeugend . . .

Ganz großartig Dilara Bastar als Sesto, die vom Publikum zurecht gefeiert wird. Überzeugend auch Kristina Stanek als Annio und Uliana Alexyuk als Servilia.

Gefeiert wird auch die Badische Staatskapelle unter ihrem italienischen Gastdirigenten Gianluca Capuano. Der hat die Musiker ziemlich fit gemacht in Sachen historischer Aufführungspraxis, nicht nur durch den Einsatz von Naturhörnern und historischen Trompeten. Phrasierung, dynamische Abstufungen, überraschende Tempoverschärfungen, all dies sorgt für einen erfrischenden, zupackenden, aufregenden, eben authentischen Mozart-Klang. Das Orchester agierte hochmotiviert, zudem glänzten in der Sesto- („Parto ma tu ben mio“) beziehungsweise Vitellia-Arie („Non più di fiori) Soloklarinette und Bassetthorn . . .

pamina, Christine Gehringer, 10.07.2017

. . . die Inszenierung lebt von der Ästhetik - und hier hat Patrick Kinmonth (der neben Bühnenbildner Darko Petrovic für die gesamte Ausstattung verantwortlich ist) offenbar genauestens darauf geachtet, dass er der Oper nicht zuviel hinzu fügt . . .
Dafür konzentriert sich Kinmonth ganz auf die Personenführung, auf die psychologischen Konflikte . . .
Dieses Hin- und Hergerissenen-Sein, die Gewissensqualen, die Sesto am Ende förmlich niederdrücken – das alles spielt Dilara Bastar so ehrlich und so anrührend, dass man geradezu mitleidet. Dazu gibt ihr dunkler, etwas verschatteter Mezzosopran der Figur einen besonderen Reiz . . .
Jesus Garcia umgibt die Titelfigur mit einer staatsmännischen Noblesse und deutet sie zugleich feinsinnig, was im Wesentlichen auch an seinem strahlkräftigen, geschmeidigen Tenor liegt . . .

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